Invisum I. Sonntag(e)

Heute ist Sonntag. Der interessanteste Tag der Woche.

Die ganze Stadt, alle Gemüter, sind draussen, geniessen diesen Nicht-Tag.

Der Rhein, die Trams, die Sonne. Alles passt sich an, stimmt sich auf eine gewisse Lässigkeit ein.

Wobei!

Bei uns ist jeder Tag Sonntag. Kerem sagt immer: „Nur die Europäer müssen während fünf Tagen rennen, stressen, hin und her eilen. Sie vergessen die Buchfinken im Garten, die Frauen auf den Strassen, die Sturmmöwen an den Brücken und die Terrassen der Cafés. Am Samstag stürmen sie plötzlich aus ihrem Wachtraum hinaus und am Sonntag (und nur da!) atmen sie.“

Ich weiss, er sagt das, mal im Ernst, mal im Scherz. Allerdings steckt Licht in seinen Worten.

Während der Woche, wenn ich Vater im Laden helfe, stimme ich ihm zu.

Die Leute sagen kaum „hallo“, sie nehmen schnell ein Olivenglas oder ein Brot und verschwinden dann in ihren Wohnungen, Wandervögel in der Luft. Am Sonntag hingegen kommen die Paare, die Alten, die Hunde und die Basketballspieler. Sie plaudern manchmal etwas länger, vergleichen alle Äpfel und alle Salate. Und sie sprechen mit uns. Das Wetter, der FC Basel, der Frühling, diese Jugend.

Ich liebe diese kurzen Einblicke. Das Leben der Städter enthüllt sich peu à peu und die Kälte verflüchtigt sich im All.

So sind die Menschen hier!

Im Gegensatz dazu sind wir immer gleich. Bei uns ist jeder Tag Sonntag und umgekehrt.

Vater ist immer gelassen wie der Wind. Die Waren folgen einander auf dem Kassenband, die Münzen erscheinen langsam in seinen Händen. Er sagt mir immer: „Wenn sie nicht warten können, dann können sie gehen.“

Kerem ist hingegen hektischer. Er räumt alles schnell auf, saust zwischen den Regalen, macht aber nie etwas kaputt.

Und dann gibt’s die Anderen. Derya, Yılmaz, Gizem und Kuzey. Sie kommen oft abends, immer am Sonntag. Sie plaudern mit Vater, wechseln ein paar Worte mit Kerem.

Derya ist liebevoll. Jedes Mal nimmt sie mich in ihre goldene Arme. Jedes Mal hinterlässt sie Spuren von ihrem Rosenparfum im ganzen Laden. Und ihre Kleider zeichnen dazu eine Mosaik, die Kerem jedes Mal melancholisch macht.

Yılmaz ist dünn, diskret, leise, nervös. Er geht oft ins Hinterzimmer, um sich mit Vater zu unterhalten. Worüber weiss ich nicht, Vaters Augen trüben sich aber immer nach Yılmaz’ Besuchen. Anderswo. Als ob er nicht mehr bei uns wäre.

Gizem und Kuzey kommen immer zusammen. Ich habe sie selten ohne einander gesehen, sie gehören einfach zusammen. Kuzey schreibt Artikel in eine internationale Zeitung. Seine Meinungen seien durchdacht, durchschauen die Wahrheiten unserer Welt. Das Schreiben beruhigt ihn. Wenn er spricht, entflammt er dagegen rasch. Vor allem, wenn das Gespräch auf die türkische Politik kommt. In diesen Momenten braucht er Gizems Stimme. Sie ist die einzige, die ihn aufheitern kann. Sie arbeitet als Köchin in einem Restaurant. Ich glaube, ihre Arbeit ist sehr belastend. Sie wäscht ab, sie wischt und schneidet Gemüse und das den ganzen Tag unter der Fuchtel eines Tyrannen. Ich habe sie aber nie sich beklagen sehen. Sie akzeptiert das Leben, wie es kommt.

Eine Haltung, die ich nie einnehmen könnte. Ich will immer alles ändern; diese Welt finde ich schwierig zu verstehen …

6 Comments

  1. Schöner Text! Mir gefällt diese Ansicht, dass jeder Tag Sonntag sein kann. 🙂 Ein paar Anmerkungen:

    Mit “es steckt Licht in seinen Worten” meinst du Wahrheit?
    “…die Kälte verflüchtigt sich im All” was meinst du damit? Dass die Atmosphäre sich auflockert?
    “Vater ist immer gelassen wie der Wind” – Ist der Wind gelassen? Kann man nicht sagen, dass Wind eher unruhig und hektisch ist?
    Was meinst du mit “goldenen Armen”? Hat sie eine etwas dunklere Haut? Gold lässt mich so an Schimmer denken.

    Das sind interessante Namen, die du brauchst. Wo hast du sie her? Würde mich interessieren 😉

    Dürdane, Helin, Gizem und Kuzey- sind das die Stammkunden?

    Ist die Rolle von Gizem nicht eher, Kuzey zu beruhigen, wenn er schnell zu passioniert redet? Aufheitern heisst ja, dass Kuzey schlecht drauf ist, nicht?

    Sonst gut aufgebaut und sehr interessant!

    1. Danke für den Kommentar! Ein paar Antworten:
      – “Es steckt Licht in seinen Worten”. Poetische Sprache. Man denkt zwar an die Wahrheit, denn es ist der “normale” Ausdruck. Aber hier ist wirklich Licht gemeint. Mit dem Wort Licht kommen andere Konnotationen ins Spiel …
      – “die Kälte verflüchtigt sich im All”. Genau. Die Stimmung wird lockerer. Und die Kälte verschwindet …
      – “gelassen wir der Wind”. Das ist der Punkt dieses Vergleichs. Der Wind ist eben nicht ruhig. Er kann leicht sein, aber auch gewaltig. Deswegen passt dieser Vergleich zum Vater!
      – “goldenen Armen”: Genau. Ihre Haut ist dunkler. Es kann aber natürlich andere Bilder evozieren …
      – Die Vornamen sind türkisch. Mehr sage ich nicht.
      – Dürdane, Helin, Gizem und Kuzey sind eher Freunde. To be continued.
      – So viel ich weiss heisst “aufheitern” auch einfach “heiterer machen”. Oder? Und heiter bedeutet auch “hell”. Aber diesen Punkt könnte man noch diskutieren …

      Und Kompliment für das aufmerksame Lesen 😉

      1. Danke für die Antworten!

        Also, warum jetzt gerade türkische Namen, das würde mich schon interessieren! 😉

        Und ich kenne das Wort “aufheitern” wirklich nur als “aufmuntern”… Aber kann sein, dass es da auch eine zweite Bedeutung gibt, die ich nicht kenne!

  2. “Diese Welt finde ich schwierig zu verstehen.” Soll man wirklich die Welt verstehen? Oder soll man nur einen Teil der Welt verstehen? Was muss man von der Welt verstehen? Die ganze Welt zu verstehen scheint mir schwierig vorstellbar. Deshalb sollte man vielleicht einen Teil der Welt einfach annehmen, wie Kuzey das Leben akzeptiert.

    1. Interessante Bemerkung. Danke!

      Meine Erzählerin versteht sowieso nicht die ganze Welt. Die Welt, die da gemeint ist, ist ihre Welt. Unsere Wahrnehmung von der Welt ist sowieso von unserem Einzelwesen limitiert … Einverstanden?

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