Invisum II. Augenmass

Heute ist Frühling. Die Sonnenstrahlen erhellen das Schaufenster und beleuchten den Laden. Fussspuren glänzen auf den Fliesen und Staubfunken tanzen zwischen den Regalen.

Im Allgemeinen schätze ich die späten Nachmittage: die Zeit scheint wie angehalten im Dämmerungslicht. Ich mag diese Stimmung sehr: ich lasse mich in einer Ecke nieder und mache meine Hausaufgaben zwischen Gelächter und Gemurmel. Der offizielle Grund: Kerem und Vater können mir helfen. Der inoffizielle Grund: ich höre, sehe und nehme alles wahr.

Das Glockenklingeln reisst mich aus meinen Gedanken. Ich hebe den Kopf und werde von der Sonne geblendet. Nachdem meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben, kann ich unsere Besucher erkennen. Gizem. Kuzey.

Gizem lächelt Vater kurz an, geht der Kasse vorbei und in den Laden herein; ihre Silhouette schwebt fröhlich zwischen den Regalen. Heute sind ihre schwarze Haare offen, sie verschleiern ihre Gesichtszüge. Ihre helle und lachende Augen, die Schatten unter ihren Lidern. Ihre hohe Stirn, ihr tiefes Kinn. Finsternis und Sternen.

Sie zögert vor den Waren. Sie jubelt und sie denkt nach. Und das alles innerhalb einem Weilchen. Dazwischen kommt sie kurz zu mir, sie küsst mich schnell auf die Stirn und führt ihr Lebensballett weiter.

Von Gizem bin ich immer total fasziniert. Sie dringt durch das Leben mit Unbekümmertheit, mit Bewusstsein, ohne dass sie in einem der beiden untergeht. Sie steht auf einem dünnen Faden und fällt weder auf die eine Seite noch auf die andere Seite. Gleichgewicht.

Von Gizem bin ich so bezaubert, dass ich Vater und Gizem total vergesse. Mist! Den Anfang von ihrem Gespräch habe ich verpasst.

Aus der Tiefe des Ladens sehe ich sie murmeln, ihre Lippen bewegen sich kaum. Vaters Gesicht ist ernst; er überlegt sich Kuzeys Worte. Er runzelt die Stirn. Kuzeys Haltung ist ernster. Er beugt sich über Vater und schaut sich ständig herum.

Ich lausche. Wortfetzen gelangen an mein Ohr.

‒ Es kommt, Cemal, es kommt.

‒ …

‒ Es hat sich im Westen entwickelt, war am Anfang ein Unfall. Haben sie gesagt … Wir wissen aber, dass es kein Unfall war. Diese Art Menschen handelt zuerst und überlegt danach. Wenn sie sich etwas überlegen … Wie immer wollten sie Geld. Und sie haben etwas schlimmeres gefunden. Und es kommt! Dort wird es nicht bleiben.

‒ Wie kannst du so sicher sein? fragt Vater. Seine Augenbrauen sind hoch. Skeptisch.

‒ Bauchgefühl. Mit meinem Beruf weiss ich was wichtig ist und was nicht, unterbricht Kuzey.

‒ In deinem Beruf berichtest du, über was passiert und was passiert ist. Nicht über was passieren wird, sagt Vater lauter.

‒ Das denkst du! Aber am wichtigsten für uns ist Intuition, die Umwälzungen unserer Welt zu ahnen. Und dieses Mal ist es schlimm, Fourak. Es wird alles verändern, uns alle betreffen.

‒ Was können wir machen? fragt Vater halb ernst.

‒ Nichts. Es wird sowieso kommen. Wobei! Doch. Etwas können wir machen: lernen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Leute spinnen schon jetzt. In ein paar Wochen werden sie noch mehr spinnen. Mein Ratschlag: das Augenmass behalten. Und lach mich nicht an, Cemal. Es kommt. Es ist sogar schon da.

2 Comments

  1. “Sie küsst mich schnell auf die Stirn und führt ihr Lebensballet weiter.”
    Was für einen kleinen menschlichen Sonnenstrahl.
    Sehr schöner Satz!

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