Invisum III. Spottbild?

Es beginnt mit einem Menschen. Dann ein zweiter. Ein dritter. Ein zwölfter.

Dutzende strömen in den Laden, der noch nie so voll gewesen ist.

Menge.

Man riecht den Schweiss, die schweren Parfüms zwischen den Regalen. Man sieht Arme, Beine, Köpfe. Sie sehen aus, als ob sie nicht zusammengehören würden.

Popmusik im Radio.

Im Hinterzimmer sitzt ein Mädchen. Zehn Jahre alt vielleicht. Sie guckt in die Gesichter: Rausch. Plötzlich steht sie auf und verschwindet sie.

Im Laden sind immer mehr Leute. Sie reissen alles an sich. Es gibt schon längst kein Gemüse und Obst mehr. Die Kunden stürzen sich auf die Waren. Ihre Gesten sind hastig, automatisch, mechanisch. Die Kunden schauen sich nicht an. Das Gesetz des Stärkeren. Und die Reihenfolge! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Die Leute rennen zwischen den Regalen hin und her. Einige rutschen aus und fallen auf die Fliesen. Andere stossen die anderen. Ellbogen schlagen gegen die Ecken. Blaue Flecken auf den Armen. Blut tropft auf den Boden.

Handgemenge. Abstand. Gewisse Leute fassen niemanden an, sie schreien, wenn andere nahe kommen. Nähe. Anderen ist es scheissegal. Sie wollen nur Waren.

Die Milchprodukte sind nun auch ausgegangen. Der Kassierer und sein Helfer haben sich hinter die Kasse geflüchtet. Ihre Augen sind weit geöffnet.

Der Laden explodiert bald.

Die Leute streiten, schreien. Die Gemüter werden hitziger. Der Ton wird schärfer. Die Gesichter werden rot. Vor Wut.

Die Kunden erkämpfen sich die Artikel. Sie verlangen das letzte Brot, die letzte Verpackung Nudeln. Zwei Männer reissen sich um eine Verpackung Chips. Jeder hält einen Teil. Explosion. Die Chips fliegen kurz in die Luft, landen dann auf dem Boden.

Sie knirschen unter den Schuhen der Masse.

Noch mehr!

Die Leute sind wie verrückt. Sie sind ohrenbetäubend laut. Sie denken nur an sich.

Man hört das Wort „Bundesrat“ im Radio.

Plötzlich bewegt sich niemand mehr. Alle halten wir versteinert inne. Man hört eine Fliege. Stille! Alle lauschen. Niemand atmet.

20 Sekunden.

Es war nichts Wichtiges.

Die Schlägerei nimmt wieder Fahrt auf. Jeder kämpft um den letzten Keks, um die letzte Marmelade. Um das Leben?

Und die Augen: aufgerissen, erloschen. Voller Entsetzen. Eine Panik, die im Laden immer mehr anschwillt.

Und auf einmal nichts mehr.

Nichts mehr.

Die Schlange wird ewig. Der Kassierer hat noch nie so schnell gearbeitet.

Rasch sind alle weg. Übernatürliche Stille. Todesgefühl im Quartiersupermarkt.

Alle Regale sind leer.

Der Boden ist dreckig.

Blätter Salat, Chips und Krümel bedecken den Boden. Eine Ecke ist sogar klebrig: Jemand hat Cola ausgeschüttet.

Der Kassierer und sein Helfer starren das Desaster. Sie sind bleich. So etwas haben sie noch nie gesehen.

Und langsam kommt das Mädchen zurück. Zu ihnen. Sie zerdrückt Chips auf ihrem Weg.

Sie geht die Tür schliessen.

‒ Vater! Was war das?

‒ Ich weiss es nicht, Elif. Keine Ahnung … Die Apokalypse! flüstert der Vater hauchend.

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