Invisum IV. RheinTanz!

Spaziergang mit Kerem.

Im Himmel scheint ein orangefarbenes Licht. Die Stadt ist leer und zum Glück dürfen wir noch nach draussen gehen. Wir ziehen unsere Schuhe an und gehen ins grosse und gefährliche Draussen. Niemand auf der Strasse. Stille mit Tramgeräuschen.

Und dann der Rhein. Der ist wie immer. Abgesehen davon, dass es keine Spaziergänger gibt. Etwas Seltenes an einem Wochenabend.

Der Dreirosenpark ist ebenfalls verlassen. Keine Basketballspieler. Keine Freundesgruppen auf dem Gras oder Spielplatz. Keine aufgepumpten Männer auf der Sportanlage mit Rock-Rap-Trash-Metal-Musik.

Wir sind unter der Dreirosenbrücke, Kerem und ich. Wir gehen Richtung Hafen.

An der Mauer unter der Novartis: street art. Farbige Buchstaben, moderne Zeichnungen und ein paar mysteriöse Slogans. Linksradikal, sagt Kerem.

FÜR DAS AUTONOME LEBEN

Diese Graffiti begleiten uns. Stille Kommentare unserer Gedanken.

Ein bisschen weiter, eine Art stillgelegter Kontrollturm. Und der Anfang der Gleise. Alte Gleise, die seit langem keine Züge gesehen haben. Ein paar Holzschwellen wurden im Laufe der Zeit von Geheimkünstlern eingeritzt. Eine Sonne, ein Salamander, ein Herz, eine unbekannte Fahne, Anfangsbuchstaben von irgendwelchen Paaren. Die Geschichte von allen Träumern, die auf diesen Gleisen gegangen sind.

NOTHING CAN GO WRONG WHEN YOU LOVE

„Und, Elif?“, fragt mich Kerem, „Klappt’s mit der Schule?“

Er hat immer viele Gedanken im Kopf und seine Fragen stehen oft mitten in seinen Überlegungen.

„So lala. Wir müssen alles mit dem Computer machen.

̶ Und wie findest du das? Dass alles online weitergeht?

̶ Ermüdend. Und frech. Die Schule geht davon aus, dass alle einen Computer haben. Sie haben vergessen, dass das nicht der Fall ist. Und mit dem Home-Office brauchen die meisten Eltern die eigenen Computer. Wie hätte ich das ohne Yılmaz geschafft? Zum Glück kann er mir ab und zu seinen Computer leihen.

̶ Hmm … “

In diesem Moment gehen wir an den Bruchbuden vorbei. Im Sommer sind diese Stadthütten voller Biertrinker, Pingpongspieler und Chiller. Da schimpft Kerem ab und zu mit seinen Freunden über unser blödes System. Heute ist der Ort selbstverständlich still.

THIS VIOLENCE HAS A SYSTEM

Kerem räuspert sich:

„Mir ist diese Frechheit auch aufgefallen. Im Moment muss ich alles mit dem Computer machen, um weiter studieren zu können. Aber niemand hat mich gefragt, ob ich einverstanden bin. Ich weiss, es war eine Notfallsituation. Niemand war bereit. Alle haben improvisiert. Aber wenige haben sich Fragen gestellt. Ich fühle mich wie gezwungen. Sind wir eigentlich noch frei? “

Der Wortsprudel ebbt ab. Still gehen wir weiter bis zum Dreiländereck. Dieser Frühlingshimmel ist wunderschön: ein Mosaik aus Orange, Goldgelb und Hellblau. Wir betrachten diesen Anblick. Das Dreiländereck ist einer meiner Lieblingsorte. Ein Punkt zwischen der Schweiz, Frankreich und Deutschland, fast gänzlich umgeben von Rheinfluten. Hier klingt das Wort Grenze anders. Ein Gefühl, das durch die weissen stilisierten Worte unter unseren Füssen verstärkt wird.

LE MONDE EST À NOUS

Wir bleiben hier eine Weile, bis Kerem plötzlich aufsteht. Wir gehen wieder. Der Rückweg ist ein bisschen anders: die gleiche Mischung aus Wasser, Natur und Stadt aber ein anderes Licht, da die Sonne untergegangen ist. Ich denke wieder an Kerems Worte. Freiheit. Ich hätte Mühe, meine Gefühle zu benennen, habe aber nicht den Eindruck, dass ich unter einem strengen Zwang bin.

„Denkst du, wir sind wirklich nicht frei?“, frage ich Kerem.

„Ob wir wirklich nicht frei sind? Hmm …“

Kerem lässt seinen Blick herumschweifen. Bäume. Unerreichbares Frankreich gegenüber. Kiesweg. Am Ende starrt er in den Fluss, den bodenlosen Rhein.

Nach einem Augenblick machen wir uns wieder auf den Weg. Er fährt fort, ruhiger als vorher:

„Trotz der Pandemie kann ich dank der Technologie weiterstudieren. Und ich kann sogar mit Freunden in Kontakt bleiben und weiterarbeiten. Vater auch. Und wir leben alle noch, wir sind gesund. Wir sollten uns vielleicht nicht beschweren. Das Leben geht weiter. Gleichzeitig anders und gleich.“

Auf einer Stadthütte ein gelbblaues Graffiti.

ALLE ZIEHEN WIR AM GLEICHEN STRANG

Den Zusammenhang mit Kerems Gedanken herzustellen, kann ich nicht vermeiden. Tatsächlich sind wir für einmal wirklich alle in der gleichen Situation. Niemand entkommt einer Krankheit. Weder die Reichen noch die Armen …

Wir gehen weiter. Bald sind wir wieder beim stillgelegten Kontrollturm. Ein paar Wolken verdecken die Sonne. Kerems Worte bleiben in meinem Kopf hängen. Er ist aber nicht fertig. Der Schluss vom Gedankenfluss:

„Ich glaube, Freiheit ist, seine eigenen Zwänge zu wählen. Wenn man die richtigen wählt, dann ist man frei. Ich glaube, Bewusstsein ist das Leitwort. Wir bleiben zu Hause, nicht weil andere es für sinnvoll halten, sondern weil wir es richtig finden. Wir machen das für die anderen, um sie zu schützen. Wenn wir die Entscheidung bewusst treffen, dann sind wir frei, weil wir uns selbst dazu zwingen. Freiwillige innere Zwänge. Freiheit steckt hinter diesen Worten.“

FREI IST, WER IN KETTEN TANZEN KANN. (NIETZSCHE)

Weltbild mit Kerem auf einem Stadtgraffiti.

Nun ist die Dämmerung vollends hereingebrochen. Der Himmel ist immer noch schön. Die Stadt immer noch still. Die Natur kümmert sich nicht um solche Ansichten. Ich nicke innerlich zu Kerems Worten und lächle leicht. Dann gucke ich den Rhein an. Nach all diesen Worten ist eines unwiderlegbar: Die Situation ist viel komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Leave a Comment

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *