Invisum V. RosenKette

Die junge Frau stürmt in den Quartiersupermarkt. Sie ist dünn, schön, und ihre Augen sind hell. Sie gibt dem Kassierer ein freundliches Zeichen und lässt ihren Blick im Laden schweifen lassen.

Plötzlich taucht ein junger Mann auf. Er ist energisch, mittelgross und seine Augen sind dunkel. Wach.

Sie verlassen den Laden und gehen in die Dämmerung, denn die Stadt ist in ein orangefarbenes Licht getaucht und nur Irre würden dieses Naturschauspiel verpassen.

Die Strasse ist nicht leer. Ein paar Passanten flanieren im Dämmerungslicht. Jeder Tag bringt einen Hauch Lockerung. Jeden Tag entspannen sich die Gesichter ein bisschen mehr. Winzige Details, die sich nur denjenigen enthüllen, die beobachten.

Auf dem Bürgersteig begegnen sie einigen Fünfzigjährigen mit hellblauen Masken. Neben ihnen werden die Gartenbeete wieder grün und auf den Balkonen wachsen die ersten schüchternen Kräuter.

Die Strassen sind still. Die Energie fliesst eher zwischen den Mauern der Wohnhäuser.

Und dann klart der Himmel auf. Die Gebäude machen dem offenen Flusswind Platz. Möwen fliegen in der Brise und Enten treiben auf dem Wasser. Ein paar Jogger, ein paar Spaziergänger ergänzen das Bild.

Die zwei jungen Erwachsenen schlendern den Fluss entlang, Richtung Stadt.

Die Frau fragt:

„Und, Kerem? Wie geht’s im Laden? Sind die Leute immer noch in Panik?

̶ Weniger. Die Leute gewöhnen sich langsam an die Situation. Von Panik keine Spur. Argwohn aber herrscht. Man guckt sich böse an wegen dem Abstand. Scharfe Blicke, wenn jemand niest. Man versucht nix anzufassen. Desinfektionsmittel überall. Und Alkohol, wenn es keines mehr gibt. Ja, Derya … Nach der Panikphase sind wir jetzt in die Misstrauensphase geraten.“

Nach seiner Tirade holt er Atem, bevor er fortfährt:

„Und bei dir? Im Büro?“, fragt er, indem er Anführungszeichen mit den Fingern mimt.

„Soso. Der Begriff Home-Office trägt eine neue Bedeutung. Was früher alle wollten, haben jetzt alle. Und die Leute bemerken die Vor- und Nachteile. Es ist nicht so einfach, sich selbst zu motivieren. Und das an nur einem Ort. Obendrein noch mit Kindern, die den ganzen Tag da sind.

̶ Und mit dem Lohn?

̶ Tja! Weniger Geld. Wir sind fast alle in der Kurzarbeit. Aber zum Glück geben wir alle weniger Geld aus …“

Sie kommen vor eine alte Granitbrücke, die nicht sehr hoch ist. Liebesschlösser hängen an den Gittern und Fahnen blühen auf dem Belag. Kunstaustellungen, die jetzt niemand besucht. Symbole der Stadt. Ein Schweizer Kreuz.

Parallel zum Fluss und unter der Brücke ist ein Tunnel. Sie gehen durch die stinkende Dunkelheit, die mit der hellen Luft kontrastiert.

Der Dialog setzt sich fort. Strassenphilosophie.

„Und hörst du dir die Nachrichten an?“, fragt er.

„Nicht oft. Ich habe den Eindruck, es ist seit einem Monat eine Endlosschleife. Nur Zahlen und Massnahmen jedes Mal, wenn ich einschalte. Und wenige sprechen über das Wesentliche. Oder wenn ja, ist es in der Masse versteckt.

̶ Du meinst den Tod?

̶ Genau. Den Tod. Die Angst vor dem Tod und wie man mit ihr umgeht. Philosophie könnte eine Antwort liefern. Religion auch. Aber wer liest philosophische Bücher? Und wer sucht nach Antworten in einer Kirche oder Moschee? Das Tiefsinnige scheint über Nacht zerronnen zu sein.

̶ Literatur wäre auch eine Antwort. Und Kultur auch. Gerade diese Woche habe ich einen sinnigen Satz gelesen. Von Montaigne. Du stirbst nicht, weil du krank bist, sondern weil du lebst. Diese Worte sollte man in aller Öffentlichkeit schreien. Für alle Erschrockenen. Für alle, die Krankheit von Tod (also Leben) nicht unterscheiden. Für alle Verzweifelten. Als Leuchtturm für die verirrten Seeleute …“

Gerade in diesem Moment taucht eine gelbe Rose im Wasser auf. Und dann eine rote. Und eine orangefarbene.

Sie beobachten die Blumenkette mit einem Entzückungszittern. Sie wundern sich über das Unerwartete. Die Blumen folgen einander und entgleiten nach Deutschland.

Plötzlich zieht der junge Mann kühn seine Schuhe aus und geht ins Wasser. Der Rhein ist niedrig, er ist also nur bis zu den Knien nass. Er erhascht die letzte Blume (eine weisse) und schenkt sie der jungen Frau. Dann schwindet das Tageslicht gänzlich.

Die Nacht davor

Geräusche von Töpfen, die man zerbricht. Der Rosenmann wird vom Traum herausgezogen. Er murmelt ein paar Brocken in seinen Bart und schimpft innerlich.

Er steht auf, tastet sich vor in der Dunkelheit, bis er seine Taschenlampe findet.

Schrittgeräusche auf der Terrasse.

Der alte Mann geht die Treppe hinunter und steuert auf den Garten zu.

Wandervogel.

Der Rosenmann öffnet die Fenstertür und geht in die Abendluft hinaus.

Alles ist still. Die Brise weht zwischen den Bäumen.

Er durchsucht die Terrasse mit der Taschenlampe. Zerbrochene Töpfe. Erdige Fussspuren.

Rosen sind in der Nacht verschwunden.

1 Comment

  1. Pour les curieux, la citation de Montaigne est tirée des Essais. Livre III, Chapitre 13.

    “Mais tu ne meurs pas de ce que tu es malade; tu meurs de ce que tu es vivant. La mort te tue bien sans le secours de la maladie. Et à d’aucuns les maladies ont esloigné la mort, qui ont plus vescu de ce qu’il leur sembloit s’en aller mourants. Joint qu’il est, comme des playes, aussi des maladies medecinales et salutaires.”

    Quant à la compréhension totale de cette citation: l’interprétation est ouverte! 😉

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