Invisum VI. Blau

An C, an Y und an alle Schreibenden

Samstag. Wochenende. Entspannung.

Heute habe ich bis neun geschlafen. Ich habe gefrühstückt und bin nach unten gegangen, in den Laden. Ich helfe oft am Samstagmorgen. So kann Kerem ausschlafen und ich kann ein bisschen Taschengeld verdienen. Das schadet nie. 

Heute blinkt das Sonnenlicht zwischen den Regalen. Ich finde diese Stimmung fesselnd. Die Morgensonne. Die verträumten Kunden. Die ruhigere Stadt. Es ist nicht Sonntag und es ist nicht Montag, sondern eine undefinierbare Mitte zwischen Geschäftigkeit und dolce far niente.

Ich beginne, die neuen Lieferungen einzuräumen. Vater ist an der Kasse mit einem Kunden beschäftigt. Er reicht ihm das Rückgeld und wünscht ihm einen schönen Tag. Dann dreht er sich zu mir. Seine hellen Augen leuchten auf. Er kommt zu mir und küsst mich schnell auf die Stirn. Dann steuert er wieder zur Kasse und wir widmen uns der Stille.

Wir brauchen keine Worte. Blicke. Gesichtsausdrücke. Gesten. Unsere eigene Art, miteinander zu sprechen.

Wir arbeiten weiter. Ich bemerke aber langsam, dass etwas anders ist. Ungewöhnlich. Nicht wie sonst.

Es beginnt mit einer Frau. Entspannt, ruhig, ein leichtes Grinsen auf dem Mund, wenn sie in den Laden kommt.

Und dann ein Mann. Grosses Lächeln und lachende Augen. Er kauft viel und lässt Vater ein Trinkgeld zurück. Ein Trinkgeld! Das macht man nicht in einem Schweizer Laden.

Später kommt eine ganze Familie. Vater, Mutter und drei Kinder. Dem jüngsten gebe ich nicht mehr als vier. Lockige Haare und Kuscheltier in der Hand. Er kommt direkt an die Kasse und fragt Vater arglos, indem er seine kleinen Augenbrauen runzelt:

„Häsch’s gsee?“

Vater lächelt und starrt den Kleinen amüsiert an.

Aber bevor er etwas sagen kann, fährt die Mutter ihren Jüngsten an. Er solle den Ladenmann nicht stören.

Der Kleine geht weg zu Vaters grosser Enttäuschung. Er hätte gerne gewusst, worum es geht. Die Familie bezahlt aber schnell und verlässt den Laden. Luftstrom.

Vater und ich, wir gucken uns an, beide mit Fragen in den Augen.

Kurz danach tritt Kuzey in den Laden. Spöttisches Lächeln auf den Lippen. Er geht direkt zu Vater und fragt:

„Hast du’s gesehen draussen? Einfach der Hammer! Viel besser und durchschlagender als das, was ich in der Zeitung schreibe.“

Dieses Mal ist Vater echt perplex. Er steht schlagartig auf, verlässt seine Kasse und geht nach draussen. Er schaut nach links, nach rechts und geht schliesslich am Schaufenster vorbei, bis er aus meinem Blickfeld verschwindet.

Ich warte eine Minute, vielleicht zwei.

Plötzlich taucht Vater wieder auf. Glücklich. Er rennt fast und öffnet rasch die Ladentür. So schnell, dass die Eingangsglocke einen lauten und hellen Ton im Raum erschallen lässt.

Vater schaut mich freudestrahlend an.

„Komm, Elif, komm nach draussen. Das musst du unbedingt sehen.“ Sagt er, bevor er wieder verschwindet.

Gespannt lasse ich meine Verpackungen stehen und gehe durch den Laden. Die Hand noch am Türgriff schaue ich kurz hinter mich. Dann schreite ich über die Türschwelle und gehe ins Morgenlicht.

Ein Mädchen auf der Türschwelle eines Ladens. Lange, dunkle und gewellte Haare. Hellblaue Augen. Goldene Haut.

Sie setzt einen Fuss auf den Bürgersteig und kneift die Augen zusammen, um sich ans Sonnenlicht zu gewöhnen. Sie guckt nach links. Und dann nach rechts. Da sind ein paar Passanten, die amüsiert die Wand neben dem Laden betrachten.

Das Mädchen geht in ihre Richtung und blickt die Wand ebenfalls an.

Zusammenzucken.

Die Wand, die gestern noch von einem wässrigen Beige war, ist jetzt himmelblau. Im Zentrum riesige und wolkenweisse Buchstaben.

Und eine Inschrift.

Nur eine.

Kurz, aber grandios.

MUT FÜR DEN TEXT

Schmunzeln auf ihrem Morgengesicht.   

2 Comments

  1. Bonjour Damiano !

    Mes félicitations pour ton blog… C’est toi qui es lisible derrière chaque texte: Tranquil, observateur, minutieux, polyglotte,…

    Je t’encourage à y poursuivre !

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