Invisum VII. Willkür

7.00 Uhr. Der Wecker gellt durch das Halbdunkel meines Zimmers.

Ich stehe auf, frühstücke, bereite mich vor und verlasse das Haus.

Heute klingen und erscheinen die Strassen anders. Kinder sind wieder früh auf dem Bürgersteig. Ihr Plappern gleicht die Tramgeräusche wieder aus. Jedoch steckt ein neues Gefühl in dieser Euphorie. Man merkt es nicht, weil es nicht sofort auffällt. Aber man sieht es, wenn man der ganzen Aufführung beiwohnt.

Es beginnt vor dem Schulhaus. Niemand weiss, wie man sich benehmen sollte. Abstand oder nicht? Unsicher betreten wir die Schule und dann den Klassenraum. Unsichere Blicke tauschen wir aus. Unsicher wirkt der Lehrer, wenn er in die Klasse kommt. Er trägt keine Schutzmaske und Schweiss tropft von seinem Gesicht.

Er wirft uns einen flüchtigen Blick zu und setzt sich an seinen Schreibtisch hinter eine mittelgrosse Plexiglasscheibe.

Auf der einen Seite: er. Auf der anderen Seite: die Hälfte der Klasse.

Das Ziel dieser Massnahme ist, eine unkontrollierte Nähe zu vermeiden.

Diesen Punkt und viele andere erklärt er in der ersten Morgenstunde. Wir sollen uns so wenig wie möglich bewegen. Die Partnerarbeiten seien immer mit der gleichen Person durchzuführen. In den Pausen solle man im Klassenraum bleiben. Die Schutzmaske sei nicht obligatorisch. Wir sollen nacheinander auf die Toilette gehen und nicht gleichzeitig. Die Prüfungen würden für den Jahresdurchschnitt nicht mehr zählen. Man solle generell versuchen, den Abstand zu behalten.

Nach dieser Leier fängt der Schulmorgen richtig an.

Die Stimmung ist interessant. Eine Mischung aus Spannung und Entspannung. Und ein Wort ist auf allen Lippen. Normalität!

Meine Mitschüler sind alle erleichtert, dass alles wieder ein bisschen normal wird.

Normal.

Ich hasse dieses Wort. Normal für wen, laut wem, gemäss was? Wieso sollte man normal oder anormal sein? Wieso sollte alles entweder der einen oder der anderen Kategorie zugeordnet werden?

Nach der letzten Morgenstunde können wir schon nach Hause gehen, denn die andere Klassenhälfte kommt heute Nachmittag in die Schule.

Ich verlasse das Schulgebäude und bin froh, den diskreten Stadttumult wieder spüren zu können. Einige Autos, einige Passanten, einige Trams. Kleinbasel hat sich im Laufe des Morgens nicht geändert. Aber wir, die Schüler, wir fühlen uns anders, als ob die Quarantäneblase der letzten Monate geplatzt wäre. Und sie ist geplatzt! Zumindest für uns. Obwohl der Virus immer noch da ist, sollte sich unser Blick ändern. Komische Gesellschaft, sage ich mir auf dem Rückweg nach Hause. Alles ist identisch, aber wir leben ab heute nicht mehr wie in den letzten Monaten, weil es so entschieden wurde. Wieso heute und nicht gestern oder morgen? Wieso wir und nicht andere? Wir wissen es nicht. Ich fürchte, niemand weiss es. Willkür herrscht in diesen bewegten Zeiten.

2 Comments

  1. Hallo Damiano! 🙂

    Dein Text gefällt mir sehr! Du hast gut dargestellt, wie absurd und ungewöhnlich dieser Schulanfang für SchülerInnen UND Lehrpersonen war.

    Ein paar kleine Anmerkungen:
    – “wir” sollen uns so wenig wie möglich bewegen, nicht “wie”
    – Die Noten haben nach dem Lockdown nicht mehr gezählt, solltest du vielleicht noch präzisieren z.B. ” Die Prüfungen würden nicht mehr zählen…”
    -Letzter Abschnitt: Warum sollte sich der Blick ändern? Welchen Blick meinst du genau?

    Ich freu mich riesig, deine Texte bald als Gesamtwerk zu entdecken!

    LG

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