Invisum VIII. Einziger Stern

Die Tür wird rasch aufgerissen. Vom Klingeln der Glocke, nur ein Echo. Und der Laden verfällt im Schatten.

Kerem taucht auf dem Bürgersteig auf. Jeans, blaues Hoodie und Kopfhörer auf den Ohren, geht er ein paar Gebäuden entlang, steigt auf sein Fahrrad und betritt die Fahrbahn.

Die Schatten der Autos und der Wohnhäuser zeichnen sich auf dem Asphalt ab. Der junge Mann fährt durch dieses Lichtspiel. Links. Rechts. Geradeaus. Labyrinth.

Und plötzlich wird alles hell. In einem Augenblick wird Kerem geblendet. Er bremst ein bisschen ab, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen und nimmt seinen üblichen Rhythmus wieder auf. Wind in den Haaren. Auf der Brücke hört er den Gesang der Möwen und des Himmels. Er stosst einen zufriedenen Seufzer aus, der von einer neuen Stadsinfonie übertönt wird.

Grossbasel wirkt anders. Hektischer, lauter, aufregender und mehr Ampeln. Kerem muss zweimal aufhalten, bevor er das Uniquartier erreicht. Dieser Stadtteil, der in den letzten Monaten beinahe tot war, kehrt langsam ins Leben zurück. Kerem lässt seinen Blick schweifen. Ein paar junge Menschen lustwandeln auf den Strassen, Vögel trillern auf dem Petersplatz und Paare liegen auf Bänken. Kerem verzieht leicht das Gesicht, bevor er sich zur Seminartür dreht. Er klingelt.

Nach einer Minute hört er Schrittgeräusche. Die Tür öffnet sich und er steht plötzlich Auge in Auge mit dem Bibliothekar. Er begrüsst ihn, murmelt ein paar Dankesworte und schleicht sich herein. Stille und Finsternis ersetzen das vorherige Stadtbrummen. Kerem desinfiziert sich die Hände, nickt dem Bibliothekar zu und geht in die Bibliothek. Er wird sofort von diesem guten alten Geruch von vergilbten Seiten und Staub überhäuft. Er atmet diesen Duft tief ein und setzt sich an seinen Schreibtisch. Gegenüber ihm stehen Bücher, die er vor drei Monaten ausgeliehen hat. Er blättert sie kurz durch und runzelt die Stirn. Er versucht, sich daran zu erinnern, wieso er diese Bücher verwenden wollte. Er zuckt mit den Achseln. Dann nimmt er seinen Laptop aus seinem Rucksack heraus und taucht in die virtuelle Welt ein. Google, Word und mehrere Wörterbücher vor den Augen. Er liest, schreibt und denkt. Jedoch geht alles langsamer als sonst. Nach der langen Quarantäne erscheint ihm alles fremd.

Die Minuten verirren sich im Sonnenlicht. Reminiszenzen flattern in seinem Gedächtnis.

Plötzlich steht er auf. Er verlässt den Traum. Er schaut sich herum. Er reibt sich energisch die Augen. Er blickt auf die alten Regale, die Schreibtische und die Bücher.

Was macht er hier? Wieso wollte er dieses Leben? Wo führt dieser Weg hin? Was ist Traum und was ist Wahrheit?

Still verlässt er das Institut. Noch mehr Fragen in seinem Kopf. Er geht zurück nach Hause, fährt auf den gleichen Strassen, der gleichen Brücke, sieht die gleichen Läden und Plätze …

Er beobachtet. Alles ist fremd, alles ist bekannt.

Der Tag steht im Zeichen eines einzigen Sterns. Vertraute Seltsamkeit.

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